Ich habe gehört...
Ich habe gehört, es seien Millionen Menschen auf der Flucht – vor Krieg, Hunger, Elend und verzweifelter Not. Man habe ihnen das Land genommen, ihre Flüsse vergiftet, die Schätze ihrer Erde geraubt und sie ihrer Zukunft beraubt. Und ich habe gehört, wie jene Länder, die an dieser Ausbeutung Mitschuld trugen, ihre Grenzen und ihre Herzen fest verschlossen. Wie Hetzer, Nationalisten, Rassisten und Hassprediger ihre dunklen Botschaften in die Herzen ihrer Anhänger pflanzten, um ein neues, finsteres Zeitalter heraufzubeschwören.
Ich habe gehört, der Mensch sei der Beherrscher der Welt. Er dürfe sich aus dem Garten der Erde nehmen, was immer er begehre: jeden Baum und jedes Tier, alles, was lebt und wächst, fühlt und leidet. Alles solle ihm gehören. Ihm allein. Und ich habe gehört, mit welcher Unbarmherzigkeit und Gewissenlosigkeit dieser Auftrag verfolgt wurde. Wie ganze Landstriche zu Wüsten wurden und Ozeane zu Müllkippen.
Ich habe gehört, der Mensch sei der letzte Schrei der Schöpfung: hochintelligent, vernunftbegabt und vom göttlichen Willen geleitet. Eine höhere Macht habe ihm Seele und Bewusstsein geschenkt – ihm allein. Kein anderes Geschöpf dürfe über ihm stehen, denn er sei das Ebenbild seines Erschaffers. Und ich habe gehört, wie tief seine Überzeugung war, er könne auf ewig nehmen, ohne jemals den Preis für sein Handeln zu zahlen. Sein Lachen klingt mir noch immer in den Ohren.
Ich habe gehört, die Tiere wären für den Menschen gemacht. Man dürfe sie züchten, einsperren, mästen und töten, ihre Körper verkaufen, ihre Milch trinken, ihre Eier nehmen, ihr Fell tragen und ihr Leben zu Ware machen. Und ich habe gehört, wie ihre Schreie hinter dicken Mauern verstummten, wie man ihr Leid mit schönen Worten, bunten Bildern und einem guten Gewissen überdeckte. Und niemand fragte sie, ob sie ihr Leben wirklich hergeben wollten.
Ich habe gehört, wie dumpf und bedrohlich das Donnern der Bomben und Kanonen klang, als die Menschen sich durch alle Jahrtausende hindurch gegenseitig töteten, verletzten und verstümmelten. Wie sie einander hassten, einander beneideten, sich für die »Guten«, die »Gottbefohlenen«, die »Auserwählten« hielten und sich dadurch legitimierten, andere zu versklaven, zu foltern, auszubeuten und auszurotten. Und ich habe gehört, wie groß nach jedem Krieg die Reue war, wie tief die Scham über die Gräueltaten saß, wie man einander versprach, den Frieden für alle Zeiten zu bewahren. Und wie schnell das Vergessen einsetzte und alles von Neuem begann.
Ich habe gehört, es gebe Aufschreie und Gegenstimmen, den Widerstand einiger weniger, die Einsicht und Weitsicht bewahrten. Von Vernunft und Mitgefühl, von Empathie und Solidarität mit anderen Menschen, mit allem Leben. Und ich habe gehört, wie auch sie verstummten, weil man jene niederschrie und bedrohte, die für das Leben, für Gerechtigkeit und für die Vielfalt eintraten.
Ich habe gehört, wie die Blüte den Schmetterling zu sich rief, wie die Bäume miteinander sprachen, wie der Wind sanft über Wälder und Wiesen strich – wie ein zärtlich gehauchter Kuss der Vertrautheit, so, wie alles Leben miteinander flüstert seit Anbeginn der Zeit. Und ich habe gehört, wie die Erde leise weinte, wie sie seufzte und stöhnte unter der Last der Menschen auf ihrer Haut. Ganz leise nur. Aber ich habe es gehört.

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